Stammesdefinition

Kurz gesagt, ein Stamm ist eine Gruppe von Menschen, die auf eine so verbindliche und solidarische Art zusammenleben, die mit heute geläufigen Begriffen am ehesten durch das Wort "familiär" bezeichnet werden kann.

Strukturiert ist der Stamm durch eine recht "weiche" Hierarchie. Wieder kann man vergleichend sagen, "Häuptling" und "Älteste" haben ungefähr den Stellenwert von Eltern erwachsener, selbständiger Kinder. Ihr Status und ihre allgemein anerkannte Lebenserfahrung geben ihrem Rat einen gewisses Gewicht. Neben den ständigen Verantwortungsbereichen für alle Stammesmitglieder gibt es spezielle Verantwortungsbereiche, für die bestimmte Personen zuständig sind. Im allgemeinen existiert in Stämmen einiges an Spezialwissen, das nur an die mit solchen Funktionen betrauten Menschen weitergegeben wird. Am einfachsten lebt es sich im Stamm, wenn man keine besonderen Funktionen innehat. Materielle Vorteile bringen solche nicht, dafür aber Achtung. Weil so etwas früher wie heute einen ziemlichen Anreiz für viele Menschen darstellt, gibt es eigentlich meist genug Interessenten für die "Ämter".

Ein Stamm hat eine gemeinsame Kultur; Bräuche, Sitten, Tabus u.s.w. die natürlich gewachsen sind und sich weiterentwickeln und den momentanen Gegebenheiten anpassen können. Sie ersetzen die heute gebräuchliche Gesetzgebung und sind flexibler als diese. Befehlsgewalt im wörtlichen Sinne hat im Stamm niemand. Entscheidungen werden durch Konsens der Stammesangehörigen getroffen, aber ohne das in neuzeitlichen Alternativgemeinschaftsversuchen verbreitete, allzu oft blockierende Vetorecht. Wer mit einer Entscheidung nicht einverstanden ist, hat jedoch das Recht, sich aus den sich daraus ergebenden Initiativen herauszuhalten. Wer sich durch häufige Passivität zu sehr vom gemeinsamen Grundkonzept und überlebensnotwendigen Aktivitäten zurückhält, sinkt logischerweise stark in der Achtung der anderen Stammesangehörigen und sein Einfluss im Stamm lässt nach. Deshalb ist solches Verhalten nicht gar so häufig und jeder versucht, sich mit den anderen zu einigen und zu beeinflussen, dass für alle tragbare Beschlüsse gefasst werden.

Weiterhin zeichnen sich Stämme durch gemeinsame Spiritualität aus. Die spirituelle Grundlage alter Stämme war gewöhnlich ein Animismus, der die Beseeltheit aller Dinge und den Glauben an das Wirken von Naturgeistern umfasst. So eine Spiritualität ist sehr weit gefächert. Jeder kann verehren, womit er sich von innen heraus verbunden fühlte - ggf. eben auch gar nichts. Somit ist sogar tolerant praktizierter "Atheismus" möglich (eigentlich sind "Animisten" ohnehin Atheisten, da sie nicht an übermächtige "Götter" glauben). Um nicht in eine Aussenseiterrolle zu geraten, werden "Atheisten" im Stamm jedoch meist an den wichtigsten Zeremonien teilnehmen, da diese auch die soziale Bindung, das innere Zusammengehörigkeitsgefühl, stärken. Missionieren ist unbekannt.

Die Solidarität der Stammesmitglieder untereinander ist sehr gross. Der Stamm bildet eine in sich geschlossene Einheit. Krass gesagt, selbst ein "Feind" innerhalb des Stammes steht dem Stammesmitglied näher, als ein Freund, der nicht dem Stamm angehört. Das "WIR" steht über dem "ICH", Solidarität geht vor Individualität. Individualität ist vorhanden und selbstverständlich, aber das Wichtigste ist der Erhalt und das Überleben des Stammes als solcher. Der Stamm bildet den Mittelpunkt des Lebens jedes Stammesangehörigen. "Eins aus vielen", was auch heisst, das jeder einzelne zugleich nach aussen den gesamten Stamm repräsentiert, da er in seinem Denken und Handeln versucht, die Interessen all dieser zu ihm gehörenden Leute zu vertreten.

Derartige Struktur und Denkart bildet sich von selbst in Menschen heraus, wenn sie unter Menschen leben, die ebenfalls diese Lebensform praktizieren. Unter solchen Bedingungen sind die Verhaltensregeln nämlich sehr einfach und es bringt dem Einzelnen ausschliesslich Vorteile, sich an sie zu halten, während Verstösse ausschliesslich Nachteile nach sich ziehen. Korruption, Unterschlagung, Machtmissbrauch usw. sind in einer menschlichen Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt und ziemlich eng mit ihm verbunden ist kaum zu verschleiern. Mit der aufgesetzten, durch Dektrete angestrebten Gleichschaltung in autoritären Regimen hat diese Sozialform wenig gemein. Ein Leben in Stammesform ruft ohne bewusstes Zutun sogar ein weitgehend synchrones Denken hervor. Solche Erscheinungen kann man bei allen gesellig lebenden Tieren beobachten und der Mensch ist letztendlich nichts anderes. Das Grundprinzip wurde bereits von den alten Stämmen weitgehend perfektioniert. Eigentlich sind nur Anpassungen an die jeweiligen Umfeldbedingungen nötig.